Wann wird der Staubsauger in der Tiefsee angesetzt?
In der Tiefsee schlummert ein Schatz, begehrter als je zuvor: Kartoffelgroße Knollen aus Metallen wie Mangan, Eisen, Nickel und Kobalt. Rohstoffe, die gebraucht werden, vor allem für Batterien, für die Energiewende. Nur wem gehören sie eigentlich und wer darf sie schürfen? Seit Jahren wird über ein Regelwerk zum Tiefseebergbau diskutiert. Eine Firma wird nun ungeduldig und droht trotz internationaler Abkommen mit dem invasiven Abbau zu beginnen – zusammen mit den USA. Und ohne Rücksicht auf das Leben im Meer.
Die Tiefsee ist so unerforscht, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eigentlich bei jeder Expedition neue Fische, Krebstiere oder Pflanzen entdecken, die noch nie jemand zuvor gesehen hat. Über 90 Prozent der Arten Tausende Meter unterhalb der Meeresoberfläche sollen noch nicht beschrieben sein. Es ist ein äußerst empfindliches Ökosystem, reich an Lebewesen, die sich angepasst haben an besonders unwirtliche Orte: Am Meeresboden herrscht absolute Dunkelheit und Stille, dort rauchen Schlote oder liegen begehrte Manganknollen. Besonders viele von ihnen gibt es etwa in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ), einem Tiefseeabschnitt im Pazifik, zwischen Mexiko und Hawaii, flächenmäßig halb so groß wie Kanada. Manche Teile der CCZ sollen bis zu 60 Prozent mit Manganknollen bedeckt sein. Zahlreiche Staaten haben hier Lizenzen, um das Gebiet zu erkunden – auch Deutschland.
Die Manganknollen abbauen darf offiziell trotzdem niemand. Noch nicht.
Der Druck aber steigt, nicht zuletzt mit dem Hunger auf Rohstoffe. Dabei geht es nicht einmal um das Mangan, aus dem die Knollen hauptsächlich bestehen. Es wird zwar in der Stahlindustrie gebraucht, aber die Vorkommen an Land sind vergleichsweise groß. Es geht vielmehr um Metalle wie Kupfer, Kobalt und Nickel. Auch Spuren seltener Erden lassen sich in den Knollen finden. Die Rohstoffe werden gebraucht für Elektroautos, Windkraftanlagen, Batteriespeicher. Die Manganknollen in der Tiefsee enthalten je nur etwa 0,2 Prozent Kobalt und bis zu 1,3 Prozent Nickel. Aber sie liegen eben einfach herum, so das Argument derer, die den Tiefseebergbau befürworten. Den Job des Schürfens könnten Maschinen übernehmen. Keine prekären Zustände in Minen, keine Kinderarbeit – so das Versprechen.
Kollektoren saugen die Knollen vom Meeresboden auf
Die kanadische Firma The Metals Company (TMC) will eine der ersten sein, die zu sammeln beginnen. Sie hat einen sogenannten Kollektor entwickelt, der die Manganknollen aufsaugt und über einen langen Schlauch an ein verbundenes Schiff pumpt. Dort werden die Metallknollen vom Sediment getrennt, Letzteres wird wieder ins Meer eingeleitet. Ein riesiger Staubsauber also, der den Meeresboden von den wertvollen Knollen befreit – und allem, was auf und um ihnen lebt.
"Im Grunde landet der gesamte belebte Teil des Bodens in den Maschinen", sagt Matthias Haeckel vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in einem früheren Interview mit . "Und die auf und in den Manganknollen lebende Fauna kehrt nicht zurück." Gleichzeitig wirbeln derart große Maschinen den Meeresboden auf, die Sedimentwolken verbreiten sich teils kilometerweit und können für die Organismen, die sie bedecken, gefährlich werden. Hinzu kommt der Unterwasserlärm und die Lichtverschmutzung durch Scheinwerfer an den Kollektoren. Die Clarion-Clipperton-Zone macht keine zwei Prozent der Tiefsee aus, trotzdem gibt es nicht genug Wissen, um zu garantieren, dass der Tiefseebergbau nicht erhebliche Schäden an der Natur hinterlässt.
Forschende haben zuletzt mit Tauchrobotern einen Ort besucht, an dem 1979 testweise Manganknollen in der CCZ in 5.000 Meter Tiefe gesammelt wurden. Die Spuren der damaligen 100-Tonnen-Maschine sahen fast genauso aus, wie sie 44 Jahre zuvor hinterlassen wurden (Nature: Jones et al., 2025). Immerhin hatten sich wieder Lebewesen angesiedelt, es waren aber immer noch deutlich weniger als noch Ende der Siebzigerjahre. Zwar wurden die Maschinen bis heute weiterentwickelt, aber Tiefseebergbau ist sehr wahrscheinlich erst mal ein Kahlschlag mit unbekannten Folgen.
The Metals Company will bald loslegen
Seit Jahren warnen deshalb Forschende und
Umweltorganisationen vor dem Schürfen in den Meeren. Viele Länder, darunter
auch Deutschland, haben sich für ein Moratorium ausgesprochen. Aber allen voran
The Metals Company macht Druck auf die internationale Gemeinschaft. Genauer
gesagt auf die International Seabed Authority (ISA), ein Gremium der Vereinten
Nationen, das seit 1994 regeln soll, wer im Meer außerhalb der Hoheitsgebiete einzelner
Staaten Rohstoffe fördern darf. Dahinter steht das UN-Seerechtsübereinkommen
(Unclos). Im Kern steht es dafür, dass die Meere und ihre Schätze allen gehören
sollen.
Die ISA ist auch die Stelle, bei der Erkundungslizenzen beantragt werden können. Das Problem ist: Bisher hat die ISA kein Regelwerk für einen möglichen Knollenabbau beschlossen. Es gibt keine Einigung, welche Umweltvorlagen eingehalten werden müssten, wie viel Sediment maximal aufgewirbelt werden darf oder welche Daten überhaupt dazu von potenziellen Bergbaufirmen erhoben werden müssten. Seit Jahren ringen die Vertreterinnen und Vertreter aus den 169 Mitgliedsstaaten und der Europäischen Union um genau solche Details.
TMC wollte den Prozess beschleunigen. Das Unternehmen hat sich mit dem Inselstaat Nauru zusammengetan, denn nur gemeinsam mit einem Sponsorenstaat, der nicht Mitglied der ISA sein muss, können Anträge bei der ISA eingereicht werden. Nauru und TMC lösten dafür eine Regel in der UN-Konvention Unclos aus und kündigten 2021 an, zwei Jahre später mit dem Abbau von Metallknollen starten zu wollen. Bis dahin hätte die ISA eigentlich ein Regelwerk verabschieden oder über einen konkreten Abbauantrag auch ohne fertige Vorgaben entscheiden müssen.
Im Juli 2023 lief die Frist aus. Bis heute gibt weder ein Regelwerk noch Abbauanträge von TMC beziehungsweise einem Sponsorenstaat. Nun hat das kanadische Unternehmen vergangene Woche, zum Ende erneuter ISA-Verhandlungen in Jamaika, für einen Eklat gesorgt. In einer Pressemitteilung gab TMC bekannt, dass es mit der US-Regierung unter Donald Trump bereits darüber verhandelt, den Bergbau in der Tiefsee voranzutreiben. TMC will noch dieses Jahr eine Genehmigung im Rahmen eines US-Gesetzes von 1980 einholen – dem US Deep Seabed Hard Mineral Resources Act. Die USA haben zwar das internationale Seerechtsübereinkommen Unclos unterschrieben, aber nie ratifiziert und sind auch kein Mitglied der ISA. Das heißt: Genehmigen die Vereinigten Staaten die Schürfrechte nach ihren eigenen Gesetzen, könnte der Tiefseebergbau beginnen. Und zwar an der ISA und allen internationalen Vereinbarungen, die das Meer in den Besitz aller Staaten stellen, vorbei. Es könnte der Beginn des Wilden Westens in der Tiefsee sein. Denn auch China und weitere Länder sind womöglich längst in den Startlöchern. China ist zwar auch kein Mitglied der ISA, hat aber bisher die meisten seiner Explorationslizenzen beantragt.
Die Vorsitzende der ISA, die Meeresbiologin Leticia Carvalho, äußerte sich tief besorgt über das Vorgehen. Eine echte Handhabe hat sie nicht. Es dauert Millionen von Jahren, bis sich Manganknollen bilden und das Ökosystem ausreift. All das könnte bald in einem riesigen Staubsauger landen.