Der Fragensteller: Zum Tod von Lothar Trolle
Auf seine alten Tage hätte er vielleicht noch einmal aus dem Schatten treten können, in dem er zeitlebens stand. Aus dem von Frank Castorf, der 1992 sein bekanntestes Stück „Hermes in der Stadt“ am Deutschen Theater regiewütig uraufführte. Es handle sich, so ätzte das „Neue Deutschland“ damals, um seelenloses Theater, das von einem Fabelkern nichts wissen wolle. Und aus dem Schatten des gleichaltrigen Einar Schleef, der im sächsischen Sangerhausen eine Parallelklasse besuchte.
Lothar Trolle, 1944 in Brücken im Südharz geboren und 1988 in den Westen abgewandert, kam 1991 als Hausautor des Schauspiels Frankfurt an den Main. Da war Schleef, der Mitte der 1980er Jahre mit seinen chorischen Inszenierungen Furore gemacht hatte, schon wieder weg.
Trolles späte Chance war „Heimatland“, der erste Band einer mehrbändigen, von Jan Hein herausgegebenen Werkausgabe bei Spector Books, die gerade erst am Rande der Leipziger Buchmesse in einer Lesung mit Corinna Harfouch vorgestellt wurde. Trolle war ein Mann der Bühne, der zugleich mit der Bühne haderte: „Weil mich das Theater interessiert“, sagte er, „kann ich es eigentlich immer nur infrage stellen.“
Er war aber auch ein Mann der Prosa: Verfasser einer ebenso stark fragmentierten wie schachtelsatzverliebten Prosa, die Parenthese auf Parenthese häufte. Sofern man die beiden Schreibweise überhaupt als Gegensatz betrachten will, weil sich die eine gegen die dramatische Zuspitzung und die andere gegen das Erzählen wehrte, fanden sie in zahlreichen Hörspielen zusammen. Auf YouTube findet sich noch die Bearbeitung von „Dshan“, einer Geschichte von Andrej Platonow, der ihn faszinierte, bevor er in den letzten Jahren wieder populär wurde.
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Nach einer Ausbildung zum Handelskaufmann hatte Trolle bis 1970 an der Humboldt-Universität bei Wolfgang Heise, der auch Rudolf Bahro und Wolf Biermann zu seinen Schülern zählte, zunächst Philosophie studiert, ehe er sich als freier Autor durchschlug. Zwischen 1983 und 1987 gab er zusammen mit Uwe Kolbe und Bernd Wagner auch die Samisdat-Literaturzeitschrift „Mikado“ mit heraus. So schwierig seine Texte auf dem Papier oft wirkten, im Vortrag vermochten sie ein Publikum oft auch durch ihre ungeheure Komik in Bann zu schlagen. Ihren möglichen Durchbruch wird er nicht mehr erleben: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist er mit 81 Jahren in Berlin gestorben.