Immer tiefer in den Kaninchenbau

Die Erfolgsgeschichte jedes Genres sagt auch immer etwas über die Gesellschaft aus, die sich davon begeistern lässt. Mit Serien wie Silo und Severance hat sich die sogenannte Mystery Box fest im Serien-Mainstream einer Gegenwart etabliert, die zunehmend den Glauben an alltägliche Gewissheiten verliert. In Mystery-Box-Shows entpuppen sich scheinbar unumstößliche Wahrheiten als manipulative Narrative, schattenhafte Figuren und Mächte lenken das Zeitgeschehen, ohne je in Erscheinung zu treten. Die Protagonisten suchen derweil Antworten, finden jedoch stets nur neue Fragen, die drängendste von ihnen lautet: Was zur Hölle geht hier eigentlich ab, und wie hängt das alles zusammen? Das macht diese Serien zu definitiven Produkten des verschwörungstheoretischen Zeitalters.

Anders als im klassischen Mystery steht in der Mystery Box nicht die Lösung eines zentralen Rätsels im Vordergrund. Hier ist es die Welt selbst, die enträtselt werden muss. Seine Vorläufer findet das Genre in David Lynchs Twin Peaks und Akte X, seinen ersten Höhepunkt erlebte es in den Nullerjahren mit Lost und befindet sich zwei Jahrzehnte später erneut auf dem Zenit. Neben Silo und Severance werden dazu auch Westworld oder Dark gezählt, seine Logik durchwirkt jedoch ebenso jüngere Erfolgsgeschichten von vor allem Netflix-Produktionen wie Russian Doll, Squid Game und Stranger Things, die in anderen Genres nahezu paranoide Sinnsuchen inszenieren.

Auch die auf der gleichnamigen Romantrilogie von Hugh Howey basierende Serie Silo nimmt sich ein vertrautes Sci-Fi-Motiv zur Ausgangslage, das nebenbei Lockdown-Erinnerungen wachruft: Rund 10.000 Menschen leben in einem Silo unter der Erdoberfläche, können diese aber nie betreten – die Luft sei vergiftet, werden sie immer wieder gewarnt. Doch geht es in den mittlerweile zwei Staffeln gar nicht so sehr darum, diesen Missstand zu beheben. Vielmehr entwickelt Showrunner Graham Yost ein immer dichteres, komplexeres System aus verdeckten Verschwörungen und einander überschreibenden Ordnungssystemen, die das Leben im Silo regulieren und deren geheime Bedeutungen verstanden werden wollen.

Die Macht der Narrative

Severance spielt sich ebenfalls zu großen Teilen unter Tage ab. Protagonist Mark Scout (Adam Scott) hat sich einem Prozedere unterzogen, das sein Bewusstsein in zwei Teile spaltet: Sein "Outie" existiert nur außerhalb der Arbeitszeiten und versucht, mit dem Tod seiner Frau fertig zu werden, und sein "Innie" arbeitet acht Stunden täglich in der Abteilung für Macrodata Refinement im Untergeschoss der Firma Lumon. Beide leben voneinander getrennte Existenzen, wissen nichts vom Leben des anderen. Bei der von Dan Erickson geschaffenen Serie geht es indes ebenfalls nicht primär darum, sie wieder zu vereinen und damit den zentralen Konflikt aufzulösen. Stattdessen werden immer wieder neue geschaffen, die Absichten der Führungsriegen des ominösen Arbeitgebers werden immer nebulöser und jeder Nebencharakter immer undurchsichtiger.

Die Parallelen zwischen Silo und Severance enden nicht beim weitgehend unterirdischen Setting, vielmehr wird in beiden obendrein die eigentlich technokratisch-autoritäre Überwachung und Regulierung der dargestellten Gesellschaften mit religiösen Fragen enggeführt. Die menschliche Kolonie unter der Erde in Silo wie auch die Büroräume im Untergeschoss der Firma Lumon in Severance werden hier vom sogenannten Pakt, dort den Kernprinzipien verwaltet. Beide sind zugleich Gesetzestext und Gebot, liefern wie ein religiöser Text aus dunklen Vorzeiten Erklärungen für die Beschaffenheit einer Welt und schreiben den sich darin bewegenden Menschen vor, wie sie sich zu verhalten haben. Das Vertrauen in die Obrigkeit hängt davon ab, wie sinnstiftend sich die Erzählungen zweier Welten gestalten, die in Wahrheit ganz anders sind.

Es geht in Silo und Severance also auch um die Macht der Narrative oder besser gesagt darum, wie Autorschaft Autorität herstellt: Beide Serien zeigen, wie eine einheitliche Geschichte eine Gesellschaft ordnen kann. Doch stellen sie zugleich infrage, wie weit diese Macht reicht oder besser gesagt, wie sie zu brechen ist. Selbst die scheinbar frommsten Figuren glauben nicht wirklich an die ihnen auferlegten Kodizes. Sheriff Billings (Chinaza Uche) in Silo sowie der Lumon-Mitarbeiter Irving Bailiff (John Turturro) in Severance können die Regelwerke zwar mit liturgischem Ernst rezitieren, halten sich im Ernstfall aber nicht daran. Und die Machtausübenden nutzen sie sowieso nur, um die Kontrolle zu wahren, während sie im Hintergrund ihren eigenen, klandestinen Regeln folgen.