Diese Serie beweist, dass die Zeit der Wokeness abgelaufen ist

„Ich seh’ dich bei Charlize Therons Party!“, ruft Paul Dano lässig dem Studio-Manager zu, während er sich schon abwendet, um den nächsten Take zu drehen, bei dem er einen Bauchschuss davonträgt, diesmal auf Wunsch der Regie mit mehr „Resignation“.

„Sag mal, bin ich bei Charlize Theron eingeladen?“, fragt Seth Rogen, der besagten Manager des fiktiven Filmstudios Continental spielt, seine Assistentin auf dem Weg zum nächsten Termin. Sie fällt vor Lachen beinahe aus dem Golfwägelchen: „Warum solltest du bei Charlize Theron eingeladen sein? Immer fragst du mich, ob du bei irgendwelchen Filmstars eingeladen bist. Dabei bist du nie eingeladen.“

So beginnt „The Studio“, die funkelnde Satire auf eine Welt, in der früher mehr Lametta war: Hollywood. Seth Rogen und Evan Goldberg haben sie sich ausgedacht. Sie hatten immer schon einen speziellen Humor, Pipikaka-Witze für (halbwegs) Erwachsene, man denke an Klassiker wie „Superbad“ (2007), „The Green Hornet“ (2011) oder „Das ist das Ende“ (2013).

In Letzterem versammelt sich die damals jüngere Hollywood-Prominenz im Haus von James Franco und kriegt erst verspätet mit, dass die Welt untergeht. Es tut sich buchstäblich die Hölle auf, und finstere Alien-Teufel verschlingen alle, Pardon my French, Arschgeigen. Das sind naturgemäß die meisten dieser arroganten Rich Kids. Nur die Wenigsten werden errettet, von einem heiligen Rampenlicht, das sie schnurstracks in den Himmel auffahren lässt. Seth Rogen und seine Freunde gehören logischerweise nicht dazu, sondern streiten sich bis zum bitteren Ende um die letzten nicht völlig verklebten Pornoheftchen.

Ein Jahr darauf gab es noch „The Interview“, in dem Rogen und Franco einen irren Nordkorea-Stunt mit einer unverhohlenen Kim-Jong-un-Karikatur hinlegen. Dann wurde es etwas stiller um Rogen und Sandberg. Sie traten in den Hintergrund und entwickelten etwa die Superhelden-Parodie „The Boys“ für Amazon.

Es waren die Jahre von „Peak Woke“, in denen der moralische Zeigefinger den anzüglichen Mittelfinger ersetzte, in denen selbst die Witze vegan wurden und englische Herzöge aus dem 19. Jahrhundert schwarz, mit asiatischstämmigen Kindern. Wer leise Zweifel anmeldete, ob das der Weisheit letzter Schluss sei, wurde symbolisch niederkartätscht, von einer selbstgerechten Twitter-Troll-Armee auf ideologischem Kreuzzug.

Oder war alles gar nicht so schlimm, wie die Wokeness-Sympathisanten zu betonen nicht müde werden? Das sollen dereinst die Historiker entscheiden. Schön jedenfalls, dass sich die Zeichen mehren, es könne mit der ganzen Verbiestertheit im Dienste des Weltfriedens allmählich ein Ende haben. Wir müssen ja gar nicht hinter die Errungenschaften der anti-rassistischen, anti-schwulenfeindlichen, anti-et-cetera Revolution zurück. Bloß setzt sich glücklicherweise die Erkenntnis durch, dass auch Leute, denen soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt, zum Lachen nicht in den Safe-Space-Keller gehen müssen.

Die Serie „White Lotus“ hat es vorgemacht. Darin werden genüsslich weiße Privilegien vorgeführt, indem verwöhnte Millionärssprösslinge am Fünf-Sterne-Pool den antikolonialen Frantz Fanon und die feministische Camille Paglia lesen, während ihnen subalterne Einheimische in Hawaii oder Thailand Gin and Tonics servieren. Der springende Punkt dabei: Die Gags machen keine Gefangenen, auch Arme, Schwule und Indigene kriegen ihr Fett weg. Die menschliche Komödie konzentriert sich wieder auf den Menschen mit all seinen Abgründen, nicht auf schöntheoretisierte Abziehbilder davon. Charakterfehler sind eben nicht das Vorrecht der happy few, sondern eine Art vom lieben Gott unter all seinen Schäfchen gleichermaßen verteiltes bedingungsloses Grundeinkommen.

Seth Rogen und Evan Goldberg legen in „The Studio“ nach. Rogen spielt Matt Remick, einen dicklichen, ergrauenden mittleren Manager, der in der ersten Folge von Oberboss Bryan Cranston („Breaking Bad“) zum Studio-Chef befördert wird. Erstens geht es über die Leiche seiner langjährigen Mentorin, grandios verkörpert von Catherine O’Hara, und zweitens über die seiner eigenen Prinzipien. Er träumt nämlich von einer Art ewigem New Hollywood, als Kunst und Kommerz glücklich koexistierten. Diesen Zahn zieht ihm Cranston – wahnsinnig komisch gespielt mit Eso-Perlenkette und blaffenden Befehlen nach grünen Smoothies – gleich im Bewerbungsgespräch. „Wir machen hier keine Filme, Matt, sondern movies!“ Äh, klar, klar, stammelt Remick, dem, wie allen hier, die Ehrgeizjacke näher ist als die Überzeugungshose.

Scorsese kommt vorbei und will einen Massenmord-Film drehen

Cranston überfällt ihn auch schon mit dem ersten Unsinnsprojekt: „Wenn Warner Brothers eine Milliarde Dollar mit den Plastiktitten einer pussylosen Puppe verdienen kann“, bellt der Mann, „sollten wir wohl in der Lage sein, zwei Milliarden mit der ehrwürdigen Marke Kool-Aid zu verdienen.“ Das muss man in Deutschland vielleicht erklären: Kool-Aid ist so ein klebrig-buntes Unterschichtsgetränk, dessen größte Zeit ebenso hinter ihm liegt wie im Fall der Filmbranche.

Die dauerkreischende, superintensive Marketingtussi Maya (fantastisch: Kathryn Hahn) zaubert einen Schwachsinnsteaser aus dem Hut, in dem ein animiertes Kool-Aid-Wesen einen viralen TikTok-Tanz tanzt. „Brillant!“, befindet Cranston.

Zufällig kommt Martin Scorsese vorbei, in einem von unzähligen Top-Star-Cameos, und offeriert sein neues Projekt über den Massenselbstmord von Jonestown. „Moment“, sagt Remick. „Haben die sich nicht umgebracht, indem sie Kool-Aid tranken?“ „Genau“, sagt Scorsese. Remick wittert seine Chance: Scorsese dreht einen Art-House-Kool-Aid-Film. Auf der Stelle optioniert er den Film, zehn Millionen für die Stoffentwicklung.

Wie man ahnt, kommt das eher mittelgut an: Barbie als massenmordende Ku-Klux-Klan-Frau wäre wohl auch gefloppt. Remick muss behaupten, er habe den Stoff nur gekauft, um ihn zu killen. Cranston liebt ihn dafür, Scorsese kommen die Tränen. Remick fliegt von Charlize Therons Party, auf die er dank des neuen Jobs nun doch eingeladen war.

Die zehn Episoden folgen lose dem sich entspinnenden Kool-Aid-Drama. Einmal geht es um die Frage, ob es rassistisch ist, einen Schwarzen, Ice Cube gespielt von Ice Cube, in der Hauptrolle zu casten. Nach einer katastrophalen Kaskade von Absurditäten kassiert Remick einen Shitstorm – weil er in einem Nebensatz zugestimmt hat, KI zu benutzen.

Letztlich ist „The Studio“ harmloser Spaß wie „White Lotus“, aber eben auf der Höhe einer Zeit, die wieder aufgeschlossen scheint, daran erinnert zu werden, dass früher nicht alles schlechter war: die Witze und auch das Filmemachen. Es ist bezeichnend, dass die Serie über das letzte Aufbäumen der glorreichen Traumfabrik von Apple produziert wird.