Sie schämt sich für ihr sexuelles Begehren und ihre afghanische Herkunft

Nila ist 19 Jahre alt, hat gerade ihr Abitur an einem katholischen Mädcheninternat gemacht und kehrt zurück in die Stadt, in der sie geboren ist: Berlin, genauer: Gropiusstadt. Wie vieles in diesem Roman ist die Hochhaussiedlung, in der Nila mit ihrem verwitweten Vater lebt, vibrierende Intertextur: Die Ich-Erzählerin wuchs, so erzählt sie, „in dem Viertel auf“, das man „aus den Memoiren der Heroinbabys vom Bahnhof Zoo kennt.“ Sie fügt hinzu: „Und all das Hässliche ist wahr.“

Nila schämt sich, sie schämt sich für die Silberfische in ihrem Badezimmer und die Hakenkreuze im Aufzug ihres Wohnhauses, sie schämt sich für ihr sexuelles Begehren und ihre afghanische Herkunft, für ihre Körperlichkeit und für ihren richtigen Namen: Nilab Haddadi. Darum lügt Nila, und das Lügen trägt sie durch die Nacht: durch die wummernden Hallen des Berghains, von verrauchter WG-Küche zu verrauchter WG-Küche, durch die Straßen von Neukölln, die U-Bahnen und Hinterhöfe. Sie nimmt dabei sehr viele Drogen, Keta, Koks, MDMA, ständig werden Lines gezogen, auf Clubtoiletten, an WG-Tischen, in der Wohnung ihres älteren Schriftstellerfreundes. Nila lügt; niemand weiß, wo sie herkommt. Wenn sie gefragt wird, sagt sie, ihre Familie stamme aus Griechenland.

Wer jetzt denkt: Bitte nicht ein weiterer Coming-of-Age-Roman, bitte keine weitere junge weibliche migrantische Perspektive mit vielköpfigem bunten Scherenschnitt-Buchcover, dem muss man ganz dringend raten, das alles zu vergessen. Denn dieses ganz und gar untypische Buch spiegelt etwas vom geheimnisvollen Glamour seiner Verfasserin. Aria Aber, in Münster geborene Tochter afghanischer Geflüchteter, lebt seit vielen Jahren in Los Angeles, sie ist im englischsprachigen Raum berühmt für ihre Gedichte, die in „Guardian“ und „New York Times“ gedruckt werden. Aria Aber wurde kürzlich groß in der amerikanischen „Vogue“ porträtiert, und über ihre Hochzeit mit dem Lyriker Noah Warren berichtete sogar die „New York Times“.

„Good Girl“ ist Abers Debütroman, sie hat ihn auf Englisch geschrieben und selbst in ihre Muttersprache Deutsch übersetzt. Herausgekommen ist ein seltsam klangvoller, farbiger, rauer Text, den man von der ersten bis zur letzten Seite verschlingt – der elegant geworfene Plot ist von lässiger Stringenz, mit kleinen glühenden Schmerzpunkten, an denen Wahrheiten aufscheinen, die verborgen bleiben wollten. „Good Girl“ – oder auf Persisch dokhtare kharab –, das ist das, was ihre afghanischen Verwandten von Nila zu sein erwarten, aber sie unterläuft diese Erwartungen in schamerfüllter Alternativlosigkeit: Sie raucht, sie trinkt, kehrt mit tellergroßen Pupillen und stinkenden Haaren nach Hause zurück. Die Ambivalenz und Zerrissenheit ihrer afghanischen Familie ist nahegehend – ihr trauriger, nie in Deutschland „angekommener“ Vater macht ihr zwar ständig Vorhaltungen, und ein, zwei Mal erwähnt die Ich-Erzählerin fast humorvoll am Rande die Möglichkeit eines Ehrenmords. Gleichzeitig scheint Nilas Familie erstarrt in einer Art gewaltvoller Melancholie, Ohrfeigen werden beiläufig gegeben, Oberarme gekniffen, Zimmertüren versperrt.

„Good Girl“ ist zu großen Teilen die Geschichte einer Liebesbeziehung, die man heute wohl „toxisch“ nennen würde, und noch etwas früher als zur Zeit der späten Nullerjahre, von der der Roman erzählt, hätte man sie einfach als „Amour fou“ bezeichnet. Nila verfällt einem 36-jährigen Deutsch-Amerikaner und ehemaligen literarischem Wunderkind, gemeinsam ziehen sie durch die Tage und Nächte, fotografieren sich gegenseitig in seiner theatralischen Wohnung, deren „grobe Kultiviertheit“ mit ihren hohen Decken und dem „Duft von kalter Asche und Räucherstäbchen“ ein wichtiger Schauplatz ist.

Was aber „Good Girl“ – neben seiner Sprache – so besonders macht, ist die faszinierende Historisierung des Lebensgefühls der Nullerjahre, jener Zeit, die ja wirklich gerade erst vorbei ist. Aber fängt sie ein wie in einem „dunklen Terrarium“ (diese schöne Metapher liest man einmal im Buch), oder wie mit einer Fischaugenkamera. Auf einmal wähnt man sich wieder in jener Zeit, der Zeit, bevor man die großen Veränderungen spürte, die Zeit, in der Apple-Produkte noch ein einfaches avantgardistisches Lifestyle-Bekenntnis waren, die Zeit, in der das Sprechen über rassistische Exzesse noch nicht in das Vokabular der Gegenwart gekleidet war. Die ambivalente Schilderung der Gewalt in Nilas Familie und die rassistische Bewertung dieser Gewalt stehen ungeschützt und unvereinbar nebeneinander.

Nila will Fotografin werden, und man spürt: Es ist auch die Zeit vor dem Terror der Bilder durch Smartphones – eine Zeit, in der Fotografie noch ernst und harmlos und schwer war. Die Art und Weise, wie Aber ihre afghanische Identität immer wieder mit Spuren des Archaischen in Verbindung bringt, mit der Suche nach Gott und Tradition, ist groß und ambivalent. „Good Girl“ ist nicht mehr vom Gleichen. Es ist neu, radikal.