Lasst die Leute kiffen, bis die Wissenschaft kommt

Für einen "gefährlichen Irrweg" hält CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge die Teil-Legalisierung von Cannabis. Soll es nach CDU und CSU gehen, will man das Gesetz der Ampelregierung am liebsten direkt wieder rückabwickeln – auch wenn unklar ist, was das im Detail bedeuten soll. Große Verbände wie die Bundesärztekammer, den Deutschen Richterbund (DRB) oder die Gewerkschaft der Polizei (GdP) dürfte das freuen, sie kritisieren die Legalisierung schon seit Jahren, weil sie darin eine Gefahr für die Gesundheit der Deutschen sehen und fürchten, sie fördere den Drogenschwarzmarkt und belaste die Polizei und Justiz.

Tatsächlich aber wäre es eine verpasste Chance, sollte die neue Regierung die Legalisierung zurücknehmen. Denn es ist noch gar nicht genug Zeit verstrichen, um mit Sicherheit sagen zu können, welche konkreten Auswirkungen das vor knapp einem Jahr in Kraft getretene Cannabisgesetz hat. Es bleiben viele offene Fragen. Allen voran vielleicht: Wie genau legalisiert man eine Droge eigentlich so, dass am wenigsten Schäden entstehen?

Um diese Frage zu beantworten, bedarf es weiterer Forschung und einer umfassenden wissenschaftlichen Evaluation. Beides würde aber mit einer voreiligen Rücknahme des Gesetzes zum jetzigen Zeitpunkt im Keim erstickt.

Aber zunächst zur aktuellen Realität: Wer seit dem 1. April 2024 in Deutschland über 18 ist und legal angebautes Gras rauchen oder verdampfen will, hat dazu theoretisch drei Möglichkeiten. Er kann Mitglied einer Anbauvereinigung werden, er kann selbst Cannabis-Pflanzen anbauen und ernten oder er kann – auch wenn das vom Gesetzgeber nicht in allen Fällen so vorgesehen ist – medizinisches Cannabis beziehen.

Bei der ersten Option stockt es bisher gewaltig. Laut dem Branchenverband der Cannabiswirtschaft haben die zuständigen Behörden der Länder von den knapp 600 in ganz Deutschland eingereichten Genehmigungsanträgen für Anbauvereinigungen, also Cannabis Clubs, bislang nur 133 bewilligt. In Bayern und dem Saarland wurde bis dato keine einzige Genehmigung erteilt. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass die zugelassenen Cannabis Clubs bereits allesamt die maximale Mitgliederzahl von 500 erreicht und auch schon die ersten Blüten geerntet hätten, würden damit trotzdem nur 66.500 Menschen erreicht. Das sind knapp 1,5 Prozent der 4,5 Millionen erwachsenen Deutschen, die laut der deutschen Fachstelle für Suchtfragen in Deutschland Cannabis konsumieren.

Sieben Prozent der Deutschen haben bereits Cannabissamen gekauft

Wenn der Schwarzmarkt für Cannabis also bis dato noch nicht zurückgedrängt wurde, dann könnte das unter anderem daran liegen, dass einfach noch gar nicht genügend Anbauvereinigungen existieren, um den Cannabisbedarf der deutschen Konsumentinnen und Konsumenten zu decken. 

Auch die zweite Möglichkeit, der Eigenanbau, dürfte den Bedarf der Konsumenten bis heute nicht decken. Genaue Zahlen, wie viele Deutsche seit dem 1. April 2024 die erlaubten drei Cannabispflanzen gezüchtet haben, gibt es nicht. Immerhin: Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Mai 2024 zufolge hatten sieben Prozent der Erwachsenen in Deutschland bereits Cannabissamen gekauft, um sie zu Hause anzubauen. Weitere elf Prozent sagten damals, sie hätten das noch vor. Aber auch hier muss man davon ausgehen, dass nicht jeder Konsument Zeit, Platz und Lust zum Gärtnern hat.

Und so erlebt vor allem die dritte Option einen Boom – auch wenn das zum Teil durchaus problematisch ist. Weil Cannabis am 1. April 2024 entkriminalisiert wurde und entsprechend nicht mehr als Betäubungsmittel gilt, ist die Verschreibung von Medizinalcannabis leichter geworden. Es genügt ein einfaches Rezept, das jeder approbierte Arzt ausstellen kann, egal welcher Qualifikation und egal in welchem Land Europas er praktiziert.

Das nutzt eine wachsende Zahl von kommerziellen Telemedizin-Anbietern aus, die Medizinalcannabis an Selbstzahler verschreiben. Während viele dieser Start-Ups Patienten, die wirklich auf medizinisches Cannabis angewiesen sind, den Zugang erleichtern, gibt es auch eine Reihe schwarzer Schafe. 

Recherchen zeigen jedoch, dass man – zumindest bei einigen Anbietern – auch bei eher geringen Leiden wie Stress oder Schlafstörungen zum Teil große Mengen Cannabis sehr niedrigschwellig verschrieben bekommt. Bei einigen Anbietern muss man dafür nicht mehr tun, als online einen Fragebogen auszufüllen, schon wird das gewünschte Rezept an eine Apotheke geschickt und das medizinische Cannabis von dort per Post nach Hause geliefert.

Mehr als 72 Tonnen getrocknete Cannabisblüten für medizinische und wissenschaftliche Zwecke wurden 2024 laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nach Deutschland eingeführt. Das sind 40 Tonnen mehr als noch im Jahr 2023. Es ist unwahrscheinlich, dass der Anstieg allein durch neue Patientinnen und Patienten zu erklären ist. Was der Trend eher zeigt: Es gibt einen großen Bedarf nach qualitätsgeprüftem Cannabis, das nicht vom Schwarzmarkt kommt.